Essay aus der Anthologie "Ein Traum von Musik"
Hg. Von Elke Heidenreich bei Bertelsmann im August 2010

Elke Mascha Blankenburg
"Rosen für Fanny Mendelssohn"
Die Kopie des Autographs von Fanny Mendelssohns "Oratorium nach Bildern der Bibel" lag vor mir auf dem großen Arbeitstisch. Wie viele Stunden saß ich heute Nacht schon über ihrer Partitur? Mein Rücken schmerzte. Ich sah auf die Uhr. Halb fünf. Ich hatte mit der Reinschrift der Dirigierpartitur begonnen, Orchesterstimmen, Chorpartitur und Klavierauszug würde ich nachfolgend schreiben müssen. Das Notenprogramm im Computer gab es 1983 noch nicht.
In solchen Nächten war es jedes Mal dasselbe: ich konnte mit der Transkription nicht aufhören. War ich in Fannys Manuskript am Ende einer Seite angelangt, so war ich auf meinem Notenblatt gerade in der Mitte angekommen und beschloss: jetzt schreibe ich mein Partiturseite noch zu Ende, und dann höre ich auf. Dort angekommen, war ich in Fannys Partitur auf der Seitenmitte und entschied: jetzt schreibe ich noch bis zum Ende ihrer Seite, und dann ist Schluss. Das konnte stundenlang so weiter gehen. Natürlich war ich todmüde, aber meine Anspannung und Neugier waren stärker als Morpheus' Kräfte.

Die Stille der Nacht schenkte mir höchste Konzentration. Das Bewusstsein, dass ich die Erste bin, die diese Musik nach ein hundertdreiundfünfzig Jahren hörte und für die Uraufführung vorbereitete, verlieh mir das stolze Gefühl der Einmaligkeit. Ich war mit Fanny allein, ganz eng mit ihr und ihrer innersten Seele verbunden. Es gab nur sie und mich, und wenn es irgendwo im nächtlichen Raum knackte, wagte ich nicht, mich umzudrehen, denn ich befürchtete, ja, ich war mir sicher, dass sie hinter mir stehen und mir über die Schulter schauen würde.
Die Transkription stellte mich an verschiedenen Stellen vor Entscheidungen, denn in ihrer Erstschrift hatte sie oft ver bessert, die Tinte mit einer Klinge ausgekratzt oder eine Note, einen Akkord durchgestrichen und mehrfach andere Lösungen notiert. Und natürlich gab es auch Flüchtigkeitsfehler. Bei Fanny Mendelssohns eigenwilliger, unkonventioneller, für die damalige Zeit oft grenzüberschreitender Kompositionsweise waren manchmal verschiedene Lösungen möglich. Ich konnte stundenlang darüber grübeln.

Damals, im Dezember 1831 beim Musizieren in der Familie wird man über solche Stellen aus der Praxis heraus entschieden haben: Beim Familienfest zum fünfundfünfzigsten Geburtstag ihres Vaters hat sie das Werk für ihn aufgeführt. Komponieren für den Hausgebrauch. Das hatte man ihr zur Bestimmung gemacht. Vater Abraham schrieb der Fünfzehnjährigen zur Konfirmation:
"Die Musik wird für Felix vielleicht Beruf, während sie für Dich nur Zierde, niemals Grundbass Deines Seins und Tuns werden kann und soll. Beharre in dieser Gesinnung und in diesem Betragen, denn das ist weiblich, und nur das Weibliche ziert die Frauen."

Anlässlich ihres dreiundzwanzigsten Geburtstages wird Fanny von ihrem Vater erneut ermahnt: "Du musst Dich mehr zusammen nehmen, mehr sammeln, Du musst Dich ernster und emsiger zu Deinem eigentlichen Beruf, zum einzigen Beruf eines Mädchens, zur Hausfrau bilden."

So erklang Ihre "Choleramusik", wie sie das Werk oft nannte, da sie es zum Gedenken an die Opfer der Choleraepedemie 1831 in Berlin geschrieben hatte, also zu einem privaten Familienfest. Sie hatte das Werk nicht als Reinschrift für den Druck vorbereitet. Das hat sie mir überlassen! Welch ein Glück!

Wie liebte ich diese Nächte! Wie sehr unterschied sich diese verschmelzende Annäherung an eine Komposition von dem üblichen Weg, dem Kauf einer Partitur in einem Musikgeschäft! Von Nacht zu Nacht wurde es mehr und mehr mein eigenes Werk.
Im Mai 1982 war ich nach Berlin gefahren. Bei meiner Suche nach Komponistinnen aus der Vergangenheit hatte ich entdeckt, dass im Mendelssohn-Archiv der Preußischen Staatsbibliothek Chor- und Orchesterwerke von Fanny Mendelssohn, Felix' älterer Schwester, den Dornröschenschlaf schlummerten.

Der Archivleiter sah mich verwundert an, als ich ihm meinen Bestellzettel vorlegte: Fanny Mendelssohn MA.Ms.39. Fanny? Bisher kamen Musikwissenschaftler und Musiker, um die Autografen von Felix einzusehen!
Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis er mir das unscheinbare Notenheft im Querformat auf den Tisch legte: es war mit Oratorium überschrieben und umfasste 78 Seiten. Aus der Datierung konnte ich sehen, dass das Werk vom 9. 10. - 20. 11. 1831, also in circa sechs Wochen komponiert worden war.

Mit Anspannung und Erregung schlug ich die erste Seite auf. Ihre Handschrift! Wie ähnlich war sie der des Bruders! Zum Verwechseln ähnlich.
Diese Sechzehntelunruhe am Anfang der Ouvertüre! Ich nahm nichts mehr um mich herum wahr. In mir sang und klang es, und ab und zu sang ich laut mit, verfiel dann wieder in Stummheit, Bewunderung, Stille. Erst als man mir sagte, dass die Bibliothek nun schließe, verabschiedete ich mich von Fannys Handschrift.

Aufgeregt lief ich durch die Berliner Straßen. Ihre Musik verfolgte mich. Wie würde ich das Tempo der Ouvertüre nehmen? Welchem Sänger sollte ich die rasante, technisch anspruchsvolle Tenorarie übertragen? Wie würde mein Chor auf Fannys Musik reagieren?
Ja, es stand fest: ich würde dieses Oratorium in Köln zur Uraufführung bringen.

Der Eingangschor "Wehe, Weh, es ist geschehn!" bestimmte ungeduldig das Tempo meiner Schritte, die ich so gerne in die Leipziger Straße 3 gelenkt hätte, in Fannys "Gartenhaus", wo sie gelebt hatte und zu ihren Sonntagsmusiken einlud. Aber damals stand sie noch abweisend und hässlich:
die Berliner Mauer.

Für die Sonntagsmusiken stand der auf den Park hinausgehende große Gartensaal zur Verfügung, der sich durch verschiebbare Glaswände in eine offene Säulenhalle verwandeln ließ. Wenn ich doch hätte dabei sein können! Oft waren bis zu dreihundert Gäste anwesend. Hier trat Fanny als Pianistin und Dirigentin auf, leitete ihren eigenen Chor und engagierte das Königsstädter Orchester für symphonische Aufführungen, dirigierte Beethoven- und Mozart-Symphonien, Opern, Werke ihres Bruders und natür lich auch ihre eigenen.

1829 hatte sie den preußischen Hofmaler Wilhelm Hensel geheiratet, und oft verbanden die beiden eine Ausstellung seiner Gemälde mit ihren Konzerten. Hensel portraitierte Fanny und krönte in seinen Zeichnungen ihr Haupt stets mit Blumengirlanden, worüber sie sich in ihrem Tagebuch mokierte:
"Trotz meines Protestes hat er mir wieder einen Kranz aufge setzt, die Leute müssen ja glauben, ich sei mit einem solchen Möbel geboren worden."

Der "Gartensaal" war ein bedeutendes kulturelles Zentrum in Berlin, und von den vielen prominenten Gästen, für die Fanny musizierte, seien nur wenige genannt: Clara und Robert Schumann, Carl Maria von Weber, Jenny Lind, Franz Liszt, die Brüder Grimm, Clemens von Brentano, Bettina von Arnim, Moritz von Schwind, Ferdinand Hiller und Paganini, den Fanny ein "höchst wunderbares, unbegreifliches Talent" nennt, "der das Aussehen eines wahnsinnigen Mörders und die Bewegungen eines Affen hat, ein übernatürliches, wildes Genie."

Weitere Gäste waren Schleiermacher und Schlegel, die Brüder Humboldt, Meyerbeer, Louis Spohr, Fréderic Chopin und Heinrich Heine, der in einem Brief an Fannys Freund Droysen 1829 schrieb:
"Und grüßen Sie mir Fräulein Fannys schöne Augen, die zu den schönsten gehören, die ich jemals gesehen."

Wer nach Berlin kam, durfte Fannys Sonntagsmusiken nicht Versäumen. Johanna Kinkel, selbst Dirigentin und Komponistin, war aus Bonn angereist und schrieb nach dem Besuch eines Konzertes: "Mehr als die größten Virtuosen und die schönsten Stimmen, die ich dort hörte, galt mir der Vortrag Fanny Hensels, und ganz besonders die Art, wie sie dirigierte. Es war ein Auf nehmen des Geistes der Komposition bis zur innersten Faser und das gewaltige Ausströmen desselben in die Seelen der Sänger und Zuhörer. Ein Sforzando ihres kleinen Fingers fuhr uns wie ein elektrischer Schlag durch die Seele und riss uns ganz anders fort, als das hölzerne Klopfen eines Taktstocks auf ein Notenpult es tun kann....."

Felix Mendelssohn sah seine Schwester - bei aller Verehrung und Hochachtung ihres Talentes - als "Frauenzimmer im Hinterhaus".
1830, als er in München mit der berühmten Pianistin Delphine Schauroth zusammen musizierte, schrieb er an Fanny: "Als ich sie nun gestern früh allein hörte und sehr bewunderte, fiel mir plötzlich ein, dass wir im Hinterhaus ein Frauenzimmer besäßen, das von der Musik doch eine gewisse andere Idee im Kopf hätte, als viele Damen zusammen genommen.... Fanny, Du weißt wahrhaftig, was sich der liebe Gott bei der Musik gedacht hat, als er sie erfand. Deine Lieder sind schöner, als gesagt werden kann. Ich spreche bei Gott als kalter Beurteiler. O Jesus! Bessres kenne ich nicht. Was das für Einfälle sind!"
Trotz dieses gewaltigen Lobs hat er sich stets gegen ihren Wunsch, ihre Werke zu publizieren, ausgesprochen. Auch ist es mehr als verwunderlich, dass die vielen Mendelssohn-Biographen, die diese Briefe selbstverständlich kannten, nie ein Interesse für Fannys Musik gezeigt haben.

Die Uraufführung des Oratorium nach Bildern der Bibel war eine Woche vorher bereits ausverkauft. Die Medien berichteten im Vorlauf, der WDR drehte bereits während den Proben, die Erwartungen lagen hoch, schließlich war es ein Werk der Schwester des genialen Felix! War sie ebenso genial?

Jetzt galt es für mich, den Beweis dafür anzutreten. Ich dirigierte ja nicht ein bekanntes Werk der Weltliteratur, kein Brahms-Requiem, keine Bach'sche Passion, deren Qualität längst abgesichert war, sondern ein Werk, das dem Vergleich aus seiner Zeit standhalten musste.
Ähnlich wäre es gewesen, hätte ich eine Oper oder eine Symphonie von Nannerl Mozart in die Welt gesetzt. Wahr scheinlich noch spektakulärer! - Aber bis heute konnte ich leider noch kein Manuskript von Nannerl entdecken.

Mein Telefon stand nicht still, Freikarten, Nachfragen, die Musikwissenschaftler lauerten mit neugieriger Skepsis, die Kritiker hatten den Stift schon gezückt! Vorfreude und Ner vosität wechselten in meiner Gemütslage, aber ich erhielt immer wieder Rückendeckung von den Musikern des WDR-Orchesters, die Fannys Musik mit Begeisterung mit mir probten.

Endlich, Weihnachten 1846, hatte sich Fanny Mendelssohn zum Druck ihrer Werke bei den Verlagen Bote & Bock (op. 1-3) und A. M. Schlesinger (op.4-6) entschlossen. Das war ihr Eintritt in die Professionalität, das Heraustreten aus dem Schatten des Bruders. Sie war stolz, erhielt viel Zustim mung, der Erfolg spornte sie an. Ein halbes Jahr später, mit einundvierzig Jahren starb sie an einem Gehirnschlag. Als wolle er wieder etwas wiedergutmachen, führte nun Felix die Publikation ihrer Werke bis op. 11 fort. Im selben Jahr, 1847, verstarb auch er. Den Verlust seiner Schwester, die seine beste und strengste Kritikerin gewesen war und die er sein "musikalisches Gewissen" nannte, konnte er nicht bewältigen.

27. Mai 1984. Die barocke St. Maria Himmelfahrtkirche in Köln glich in der Dichte der gedrängten Menschenmassen einem Wallfahrtsort. In den Seitenschiffen standen die Zuhörer aneinandergedrängt. Die ersten Kirchenbänke waren mit dem großen Verwandtschaftskreis der Komponistin besetzt, der aus verschiedenen deutschen Städten, aus der Schweiz und den USA angereist war, um bei der Uraufführung dabei sein zu können. Die gestrige Generalprobe war zu unsrer aller Zufrie denheit verlaufen, was mir Sicherheit gab.
Und nun hinaus in die flirrende Luft, Mascha! In eine Zeit ohne Zeit! Ich bahnte mir den Weg durch das Orchester und betrat meinen Platz.

Alle Ausführenden spielten und sangen aus meiner Handschrift, was mein Verbundenheitsgefühl mit meinen Musikern und Musikerinnen erhöhte.
In keinem Konzert meines Lebens erhielt ich so viele Blumensträuße wie an diesem Abend. Ich legte sie auf Fannys Partitur, und als da kein Platz mehr war, verteilte ich sie mit großem Dankbarkeitsgefühl an die Orchester- und Chormitglieder, die ihr ganzes Können und ihre künstlerische Kraft eingesetzt hatten. Es war eine Sternstunde in meinem Musikleben. Der Mitschnitt der Uraufführung kam als CD heraus. Das Werk wurde in den Medien gefeiert und trat nun seinen Weg in die Welt an.
Ich versandte das Aufführungsmaterial an Dirigenten in vielen Ländern und dirigierte es selbst in verschiedenen deutschen Städten.
1986 erklang es als amerikanische Uraufführung in der Carnegie Hall in N. Y. unter der Leitung von David Randolph. Glücklich saß ich im Publikum und verbeugte mich anschlie ßend Hand in Hand mit dem Dirigenten. Dabei hörte ich an Fannys Worte: "Lieber Felix, komponiert habe ich in diesem Winter rein gar nichts, wie einem zu Mut ist, der ein Lied machen will, weiß ich gar nicht mehr. Ob das wohl noch wieder kommt? Was ist übrigens daran gelegen? Kräht ja doch kein Hahn danach und tanzt niemand nach meiner Pfeife." Das hatte sich nun grundlegend geändert!

1995 entschloss ich mich, das Werk einem Verlag zu übergeben, und seither spielen und singen die Musiker aus schön gedruckten Noten. Dennoch möchte ich bemerken, dass meine Notenschrift gar nicht so schlecht war!

Mit einem bunten, riesigen Rosenstrauß betrat ich den Dreifaltig keitsfriedhof in Berlin-Kreuzberg, wo Fanny neben ihrem geliebten Bruder ruht und dachte, dass ich doch viel für sie getan hätte. Aber als ich vor ihrem schlichten Grab stand, und ihr die Rosen zu Füssen legte, wusste ich, dass ich ihr zu danken hatte. Dann nahm ich drei rote Rosen aus dem Strauß und schenkte sie ihrem Bruder.

Die Welt, 29.5.1984
"Fabelhaft ebenbürtig waren sich Fanny und Felix in der Satztechnik. Erstaunlich verschieden arbeiteten sie jedoch im Stilistischen."

Kölner Stadtanzeiger, 29.5.1984
"Der Chor glühte vor Begeisterung. Die UA kam 150 Jahre verspätet und endete unter Ovationen!

Frankfurter Rundschau, 8.6.1984
"Das Erstaunlichste an der Musik Fannys ist die eigene Färbung, der authentische Gefühlsausdruck. Die in manchen Sakralwerken ihres Bruders störende Glätte der Problemlösung findet sich in Fannys dunkler getönter Klangsprache nicht."

Neue Presse, Coburg, 31.5.1984
"Bereits die ersten Takte der Introduktion ließen eine Tausendschaft an Konzertbesuchern aufhorchen. Im Unterschied zu ihrem Bruder scheut sich Fanny nicht vor gerade exzessiven Ausbrüchen. Ihr Werk gräbt sich tief ins Bewusstsein ein, besitzt mehr innere, durch eine überaus originelle Harmonik und durch überraschende Polythematik faszinierende Glut. Bleibt das Fazit:
ein bedeutendes Werk einer bedeutenden Komponistin."

Kieler Nachrichten, 30.6.1984
"Man staunt über die solistischen Vorgriffe. Sie weisen in der Tat weit über Bruder Felix hinaus. Vornehmlich wenn es um dramatische Klangballungen geht. Reiches Themenmaterial wird verschwenderische eingesetzt und die harmonischen Rückungen scheinen streckenweise fast wegweisend auf Brahms hinzudeuten. Ein wahrhafter Fund das Ganze."

Rheinische Post, 1.6.1984
"Wir hatten es hier nicht mit einem Geniestück zu tun. Aber auch nicht mit sehr viel weniger."

Deutsche Welle, Musik-EBD, 26.6.1984
"Die Uraufführung des Oratorium nach Bildern der Bibel von Fanny Mendelssohn wurde zu einem triumphalen Erfolg für die Komponistin wie für die Dirigentin Elke Mascha Blankenburg."


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